14. Juli 2024

Widerstand in der NS-Zeit

Gymnasiasten befassen sich mit dem Mythos Stauffenberg

Die Welt ist nicht nur eindimensional. Einen besonders interessanten Rundumblick auf einen Teil der deutschen Geschichte haben Schüler des Elbe-Gymnasiums Boizenburg bekommen.
Alibis sind etwas für die Polizei. Das stimmt nur zum Teil. Alibis können etwas für eine ganze Nation sein. Das haben jetzt Gymnasiasten in Boizenburg erfahren und damit einen ganz besonderen Einblick in die deutsche Geschichte bekommen. Ruth Hoffmann hat mit ihrem Werk „Das deutsche Alibi: Mythos ‚Stauffenberg-Attentat‘ – wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird“ dafür gesorgt.

Widerstand und Politik
Sie war damit für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert. Unter anderem, weil sie aus Sicht der Jury eine umfassende Dekonstruktion des Mythos „Stauffenberg-Attentat“ unternimmt und nachzeichnet, wie der 20. Juli seit Gründung der Bundesrepublik politisch instrumentalisiert wird.

Widerstand als Alibi
Das Alibi der Deutschen, und da wird Ruth Hoffmann in Boizenburg ganz deutlich, besteht nämlich darin, dass sie mit dem Widerstand weniger Bürger zeigten und zeigen, dass es in Deutschland zwischen 1933 und 1945 nicht nur Nazis gegeben hat. „Wir hatten ja den 20. Juli“, sei so eine Legitimation und das Ringen um Vertrauen, was bei vielen Prozessen der Bundesrepublik seit 1949 eine Rolle gespielt hat.

Das Schreiben machte wütend
Der Mut derer, die sich im Widerstand befanden, ist dabei unbestritten. Die Janusköpfigkeit, mit der in BRD und DDR indes mit Hinterbliebenen von Widerständlern und NS-Tätern umgegangen wurde, erschüttert dabei umso mehr. So war es auch für Ruth Hoffmann während des Schreibens ihres Buches zuweilen nur schwer zu ertragen, dass Witwen von Widerständlern keine Rente zukam, wohingegen sich Witwen von Nazi-Richtern darüber keine Sorgen machten mussten.

Geschichte abseits des Lehrplans
Auch Jaro und Merle können das nachvollziehen. Die Zehntklässler finden Geschichte grundsätzlich interessant, weil man durch den Rückblick vieles für die Zukunft lernen kann. Und natürlich haben sie sich laut Lehrplan bis zum Ende des Schuljahres mit der deutschen Geschichte bis zur Wiedervereinigung befasst. Dennoch finden sie es toll, dass ihnen der Besuch von Ruth Hoffmann noch einmal brandneue und andere Sichtweisen auf das bereits Gelernte ermöglicht.
Dementsprechend viele Fragen hatten sie auch an die Autorin. Wo sie zum Thema recherchiert hat und wie sie überhaupt auf den 20. Juli gekommen ist, wurde dabei ebenso geklärt wie der Fakt, dass sich solch eine Lupe auf historische Ereignisse immer wieder lohne. Weil eben selbst die Geschichte durch das Aufkommen neuer Quellen nie richtig zu Ende erzählt ist.

Die Neugier bewahren
„Bewahrt euch dieses Interesse“, zeigt sich sodann auch Annegret Panz begeistert im Rahmen des Besuches von Ruth Hoffmann. Sie ist Geschichtslehrerin am Gymnasium und kann das kommende Schuljahr bei dem Eintauchen in die Geschichte ihrer Schüler kaum erwarten. Derweil ist sie auch dem Schulförderverein dankbar, dass er den Kindern mit seiner Unterstützung diesen besonderen Blick in die Historie und die Auseinandersetzung mit ihr ermöglicht hat.

Sascha Nitsche (veröffentlicht am 05.07.2024 in der Schweriner Volkszeitung)

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